Immer, wenn sie Bücher schrieb.

Interview mit Susann Julieva

Interview mit Susann Julieva

Ich hatte damals, als ich vor über zehn Jahren zum ersten Mal die Untiefen des Internets betrat, das unwahrscheinlich große Glück, ziemlich früh auf Susanns Homepage zu stoßen, wo sie ihre Fanfictions und eigenen Geschichten online stellte. Ich war ein echter Frischling, was das Fandom und seine Auswüchse betraf, und fand die Sache mit dem Slash zunächst höchst merkwürdig. Dann fand ich Susanns Geschichten, und das öffnete mir einen völlig neuen Zugang zu dem Genre – und mehr noch, öffnete mir einen völlig neuen Horizont. Ich begriff mit einem Schlag, welches Potential in diesen Liebesgeschichten steckte, wie unheimlich gut das Ganze sein konnte, wenn man es richtig anstellte. Susann war schon damals eine ganz Große, zumindest für mich, denn ich bewunderte zum einen ihren Schreibstil aber auch die Professionalität, mit der sie ihre Website führte. Ein Teil von mir wollte so sein wie sie.

Ich brauchte Jahre, um den Mut aufzubringen, sie mal anzuschreiben und stellte fest, dass Susann nicht nur wahnsinnig talentiert ist, sondern auch einfach bloß nett (ich wünschte, ich hätte sie eher angeschrieben. Echt jetzt).  Ich bin wahrscheinlich ihr größtes Fangirl und da wir es nun beide ungefähr zeitgleich geschafft haben, einen unserer Romane bei einem Verlag unterzubringen scheint es mir nur richtig, dass Susann die erste Autorin ist, die ich für meine Website interviewen darf.

Liebe Susann,

stell dir vor, Du müsstest dich deinen eigenen Protagonisten vorstellen. Was würdest Du sagen?

Hallo erstmal, ich weiß gar nicht, ob ihr’s wusstet… ;-) Nein, im Ernst, das ist eine spannende Frage! Das wäre bei jedem Prota anders, genauso, wie man sich nicht jedem Menschen, denn man kennenlernt, auf dieselbe Weise vorstellt. Und daran merkst du schon, wie eng meine Beziehung zu meinen Protas ist. Sie wachsen mir total ans Herz. Manche würden es mit hochgezogener Augenbraue und einem Schulterzucken hinnehmen, wenn ich ihnen sagen würde, dass sie meinem Hirn entsprungen sind. Andere würden aus allen Wolken fallen, nicht „real“ zu sein. Da müsste ich also ganz behutsam vorgehen. Wahrscheinlich würde ich ihnen sagen, dass ich ihre „geistige Mama“ bin und sie ebenso ein Teil von mir sind, wie ich  von ihnen.

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 Du arbeitest ja grad an mehreren Projekten gleichzeitig. Magst Du sie uns kurz vorstellen?

 Gerne! „Drei Jungs“ ist eine komplette Neubearbeitung meines englischen Romans „Triangle“. Jetzt will ich ihn bei dead soft rausbringen und wer möchte, kann die Entstehung von Band 1 „live“ mitverfolgen, weil ich Kapitel für Kapitel auf FanFiction.de poste. Es ist eine schwule Dreiecksliebesgeschichte und wird abwechselnd aus der Sicht der drei Protagonisten erzählt. Die Story spielt in einem amerikanischen College. Casey ist der Träumer, Rizzo der sexy Herzensbrecher und James der zynische Außenseiter. Da prallen natürlich Welten aufeinander – und die Funken fliegen!

Mein zweites Projekt hat den Arbeitstitel „Vielleicht für immer“ und ist ganz klassische Boy-Meets-Boy Romance. Sam und Gabe lernen sich in der Schule kennen – der brave Streber und der rebellische Punk. Eigentlich haben sie nichts gemeinsam, aber es funkt so richtig. Leider geht die Beziehung ungut auseinander. Zehn Jahre hören sie nichts mehr voneinander, und mittlerweile ist Gabe ein berühmter Rockstar. Sam kann ihm nicht verzeihen, dass er ihn damals verlassen hat, und kann ihn trotzdem noch immer nicht vergessen. Natürlich gibt es dann ein Wiedersehen, bei dem die Fetzen fliegen und es wieder richtig knistert… ;-)

Hast Du unter diesen Projekten einen besonderen Liebling und wenn ja, warum?

Wenn ich einen klaren Liebling hätte, wäre das Ganze leichter! Ich bin ein bisschen in der Zwickmühle, weil ich nicht weiß, welches Projekt ich zuerst fertigstellen soll. Ich mag die beide so! Und dann hab ich momentan noch drei weitere, mit denen ich am liebsten gestern anfangen möchte. Aber die müssen einfach noch warten.

Gibt es in deinen Büchern, Deinem Schreiben, grundsätzliche Themen, die immer wieder auftauchen? Wie sieht es mit dem Genre aus?

Mein Genre ist Gay Romance, auch wenn ich viele meiner Geschichten nicht unbedingt als typische Romance-Literatur sehe. Es sind auch Charakter- und Milieustudien. So geht es in „Café der Nacht“ stark um eine Künstlergemeinde. Wahrscheinlich wird „Vielleicht für immer“ mein erster richtiger Romance-Roman. Mich reizen allerdings auch andere Genres, Gay Fantasy und Urban Fantasy allgemein. Es muss nicht immer gay sein, aber ich schreibe das einfach unheimlich gerne.

Mein Thema ist ganz klar die große Liebe! Oft sind es Liebesgeschichten, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken und auf den ersten Blick ziemlich aussichtslos wirken. Dann ist es umso schöner, wenn sie sich endlich kriegen!

Du schreibst zwar keine historischen Romane, aber wieviel Recherche steckt in Deinen Büchern?

Das kommt wirklich ganz aufs Thema an. Ich habe schon an Projekten gearbeitet, wo ich unheimlich viel Zeit in Recherche investiert habe. Einmal habe ich sogar mehrfach eine Ärztin ausgefragt, weil ich alles über eine bestimmte Krankheit wissen wollte. Es soll ja alles stimmig sein. Aber ich recherchiere nicht wirklich gerne, weil mir das zu viel Schreibzeit abzieht. Vielleicht schreibe ich deshalb meist Contemporary.

 

Bist Du jemand, der einfach drauf losschreibt, oder legst Du Dir vorher ein Exposé zurecht – vielleicht sogar Kapitelexposés?

Das habe ich früher mal gemacht und dann festgestellt, dass mich das total blockiert. Ich habe zwar schon im Kopf, wohin die Geschichte gehen und was unterwegs passieren soll, aber ansonsten hat es sich für mich bewährt, einfach drauflos zu schreiben. Alles vorher minutiös zu planen fühlt sich für mich an wie ein Korsett. Je mehr Freiraum ich mir gebe, desto kreativer kann ich sein. Und es gibt doch nichts Schöneres, als wenn es beim Schreiben einfach „fließt“ und einen die Figuren plötzlich mit etwas ganz Neuem überraschen. Manchmal nimmt die Story dann eine ganz unerwartete Wendung!

Du schreibst sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch. Inwiefern unterscheidet sich das Schreiben für Dich, je nachdem, in welcher Sprache du schreibst?

Gar nicht so leicht, das in Worte zu fassen. Deutsch ist zwar meine Muttersprache und ich mag sie sehr, aber Englisch ist irgendwie meine „emotionale“ Sprache. Ich denke viel auf Englisch, besonders, wenn es um Gefühle geht. Wenn ich auf Deutsch schreibe kann ich dagegen sprachlich schöpferischer, kreativer sein, was unheimlich Spaß macht. In Englisch ist mein Stil meist viel direkter, emotionaler. Ich liebe beides.

Viele von uns haben einen Roman, den wir schon ewig vor uns hinschieben, weil wir Angst haben, ihm nicht gerecht zu werden. Geht es Dir ähnlich, oder packst du mutig jede Idee an?

Leider kann ich gar nicht jede Idee anpacken, dafür habe ich einfach zu viele! Da muss ich mich einfach für meine Favoriten entscheiden. Es gibt schon Projekte, vor denen ich Respekt habe, aber ich habe ganz viel Vertrauen in meine Musen. Die machen das schon. ;-) Und manchmal ist die Zeit für ein Buch einfach noch nicht reif und man muss es erstmal beiseite legen.

Welche Autoren würdest Du als deine Vorbilder bezeichnen? Und sind das auch dieselben, die Dich in Deinem Schreiben beeinflusst haben?

Ich glaube, die einzige Autorin, bei der ich nachvollziehen kann, dass sie mich tatsächlich beeinflusst hat, ist meine Lieblingsautorin Jane Austen. Mir war das anfangs nicht bewusst, aber sie hatte einen starken Einfluss auf mich. Ihre sensible Charakterzeichnung finde ich einfach phänomenal. Dann gibt es Autorinnen wie Sarah Addison Allen, die mich vielleicht nicht konkret beeinflussen, aber bei denen ich nach jedem Buch wieder begeistert bin und mir wünschte, das wäre mir eingefallen!

Dein Buch (und Du darfst Dir aussuchen welches) wird verfilmt und Dein Mitspracherecht geht über alles: Wen nimmst Du als Drehbuchautor, Regisseur und Schauspieler, und wer komponiert die Musik? Wer darf den Titelsong singen? cdn_cover_small

Hui, da muss ich nachdenken! Wenn ich ehrlich bin, würde ich mein Baby so ungern in fremde Hände legen, dass ich zumindest als Co-Autorin am Drehbuch mitarbeiten wollen würde. Wenn die Story komplett zerhackt und umgeändert würde, das wäre ein Albtraum. Bei einem Café der Nacht-Film würde ich den jungen Maxim mit Tom Schilling besetzen, der wäre perfekt. Und Monroe wäre entweder Ken Duken oder Stephen Dorff. Beides ganz großartige Schauspieler, denen ich zutrauen würde, Monroes Feuer und Zerrissenheit fantastisch darzustellen.

Als Regisseur wäre jemand wie Lasse Hallström genial. Von dem liebe ich so viele Filme! Gilbert Grape, Chocolat, Lachsfischen im Jemen… Oder Ang Lee, der große Meister. Man darf ja träumen. ;-)

Der Soundtrack müsste teilweise etwas jazzig sein, aber auch die leise Melancholie des Buchs transportieren. Viel Klaviermusik. Den Titelsong darf dann der wunderbare David Bowie singen. Hach ja – wann ist endlich Drehstart? ;-)

Zum Schluss: Dein erstes und ganz wunderbares Buch „Triangle“ hast Du im Selbstverlag herausgebracht. Immer mehr Autoren greifen ja zum Indie-Publishing, statt jahrelang Klinkenputzen zu gehen. Kannst Du uns ein wenig von Deinen Erfahrungen berichten?

Klar! Allerdings beziehen sich meine Erfahrungen da eher auf den amerikanischen Markt. Für meine Co-Autorin Romelle und mich war die Entscheidung leicht, dass wir Triangle selbst herausbringen und es gar nicht erst bei Verlagen versuchen würden. Immerhin hatten wir das Ding vorher bereits im Internet veröffentlicht. Unsere Wahl fiel dann auf Smashwords für die eBook-Version, und damit habe ich ganz tolle Erfahrungen gemacht. Es war leicht, das eBook zu erstellen und hochzuladen, und binnen weniger Tage war es auch auf großen Plattformen wie iTunes und Kobo erhältlich. Am besten verkauft (und das unerwartet gut!) hat sich das Buch aber auf Smashwords selbst.

Trotzdem darf man als unbekannte Autorin keine Wunder erwarten. Self-Publishing ist hart, man muss erst mal investieren. Man braucht ein gutes Cover, einen Lektor, einen Korrekturleser. Ob man als Erstautor dieses Geld überhaupt wiedersehen wird, geschweige denn etwas verdienen, ist erstmal völlig unklar. Und dann muss man ordentlich die Werbetrommel rühren, und das, ohne den Leuten auf die Nerven zu gehen. Am besten macht man das über Social Media wie Facebook und Twitter. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen. Die Finger würde ich allerdings von Werbeanzeigen bei Facebook lassen. Ich habe von so vielen Indies gehört, dass das nur kostet und überhaupt nichts bringt. Ebenso eine Gratis-Aktion auf Amazon, wenn man den KDP-Weg gehen will. Zwar wird das Gratisbuch dann hundertfach heruntergeladen, aber für das Ranking und damit für die Sichtbarkeit bringt es nichts. Und Sichtbarkeit ist alles. Wenn man dein Buch in deiner Kategorie / deinem Genre nicht leicht findet, hast du keine Chance.

Von daher: Selbstverlag kann ganz toll sein, aber man muss viel Zeit und auch Geld hinein investieren, wenn man ein gutes Buch auf den Markt bringen will. Da hat man es bei einem seriösen Verlag schon erheblich leichter, denn der hat seine Stammleser und man muss kein eigenes Geld reinstecken. Allerdings – wenn man Glück hat und das Buch im Selbstverlag läuft, hat man als Autor ganz klar erheblich bessere Konditionen. Am besten also beides mal ausprobieren!

Vielen Dank für Deine Zeit, Susann!

Sehr gerne, und vielen Dank für deine tollen Fragen! Hat Spaß gemacht! :-)

Mehr über Susann und ihre Bücher erfahrt ihr auf Susanns Autorenwebsite: www.susannjulieva.de

Außerdem treibt sich Susann auch noch in den sozialen Netzwerken rum :)

Facebook: http://www.facebook.com/SusannJulieva
Twitter: http://twitter.com/susannjulieva

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